Ein Tag in… Schmelztiegel Jerusalem

Noch eben fix einen Schlenker zur Tankstelle gemacht, begibst du dich zurück in den Trubel der Stadt. Sandfarben glänzend der Boden, über den sich auf Schienen eine futuristisch anmutende Straßenbahn leise surrend ihren Weg bahnt. Hektisch, westlich machen sich Menschen auf ihren Weg nach Hause. Rechts laden bunte Leuchtreklamen dich ein, in ihrem Inneren den Abend zu verbringen oder einfach nur etwas zu essen. Es ist sauber hier, hell und modern, die Menschen lachen dich an, interessiert schauen sie dir nach. Doch du biegst ab. Die Straße wird schmaler, plötzlich, unvorhergesehen und dunkler. Keine Leuchtschriften mehr. Dunkel gekleidete Menschen mischen sich unter die Massen. Schwarze Hüte tragen sie und lange graue Bärte zu ihren vornehmen Anzügen. Sie sind unterwegs mit ihren Familien, mit ihren Frauen und Kindern, die ebenso ganz in schwarz und weiß gehüllt sind mit ihren knielangen Röcken, Strumpfhosen und flachen schlichten Schuhen. Freundlich einladende Blicke säumen auch hier deinen Weg. Nun sind es immer mehr, die bunt gekleideten Menschen verschwinden, langsam, sie gehen unter in der Masse der anderen. Denn dies ist ihr Viertel.

Am Morgen steigst du die Stufen hinab, die unten aus drei Richtungen kommend einem großen Platz formen. Zwischen dir Frauen mit Kopftüchern, blonde Mädchen mit Spaghettiträgertops, die Männer vom Vorabend mit ihren langen Bärten und großen schwarzen Hüten, Mädchen mit Zöpfen in schwarzen knielangen Röcken und weißen Blusen. Langsam tauchst du ein in den bunten Mix aus Kulturen, Religionen und Nationalitäten. Mächtig erhebt es sich dann vor dir: das Damaskustor. Du geht hindurch, kannst sie noch sehen, die dicken Stadtmauern, die heute eigentlich nicht mehr gebraucht werden. Der Weg führt dich durch schmale Gassen mit geschäftigem Treiben. Du kannst sie atmen: die Jahrtausend alte Geschichte dieser Stadt:

Jerusalem

Nur wenige Meter weiter triffst du auf die Via Dolorosa– den Leidensweg, den Jesus mit dem Kreuz auf dem Rücken zum Hügel Golgatha zurücklegen musste. Wo einst Feld war, befindet sich heute die eng gebaute Altstadt. Hier kannst du auf dem Weg zur Grabeskirche alles kaufen, was dein Pilgerherz begehrt. Du willst ein Foto machen von Station 8 des Leidensweges? „50 Schekel“ winkt dich ein Mann an der Mauer heran.

Station Nr. 8 des Kreuzwegs Christi- hier soll er ein paar Frauen gesagt haben, sie sollen um sich und ihre Kinder weinen, nicht um ihn.

Station Nr. 8 des Kreuzwegs Christi- hier soll er ein paar Frauen gesagt haben, sie sollen um sich und ihre Kinder weinen, nicht um ihn.

Miris früher mal Theologie-studiertes Herz springt. Aber nicht vor Freude. Wie skurril, dass so viele vermeintlich gläubige Christen sich hier zum Souvenir und Heiligenbilderkauf bewegen lassen, war es doch Jesus, der, als er in den Tempel zog, wütend die Tische der Händler umwarf, weil man seiner Meinung nach nicht Handel treiben solle an solch einem religiösen Ort.

Inmitten des Altstadtgetümmels erreichst du schließlich die Grabeskirche. Ruhe. Ein wenig.

Weniger Trubel- ein bisschen mehr Besinnlichkeit: die Grabeskirche

Weniger Trubel- ein bisschen mehr Besinnlichkeit: die Grabeskirche

Hier soll er begraben worden sein... oder doch 12 Schritte weiter links?

Hier soll er begraben worden sein… oder doch 12 Schritte weiter links?

Bis zur nächsten Touristengruppe. Der Marmorstein wird poliert, an deren Stelle Jesus gesalbt worden sein soll, Kerzen werden gegen Spenden angezündet, Menschen stehen an, um sich vor der Kreuzigungsstelle Jesu zu verneigen… Wir sind ergriffen, versuchen den Trubel auszublenden. Steine polieren und Kerzen anzünden- das wollen wir nicht. Und sind wir doch mal ehrlich:

Hatter da gelegen, Jesus? Oder doch vielleicht eher 6,8 Meter weiter rechts? Wurde er dort ans Kreuz geschlagen? Oder 3,4 km weiter nordöstlich? Man weiß es nicht.

Dennoch wird hier Geschichte lebendig, ein halbstündiger absoluter Gänsehaut Moment!

Viele kleine einzelne Kapellen gibt es in der Grabeskirche...

Viele kleine einzelne Kapellen gibt es in der Grabeskirche…

...auch an der Stelle, an der Jesus ans Kreuz genagelt wurde.

…auch an der Stelle, an der Jesus ans Kreuz genagelt wurde.

Wie viel Zeit soll ich hier einplanen?

Wieder einmal ist es schwer, hier Ratschläge zu geben. Wir hatten insgesamt 1,5 Tage zur Verfügung. Gerne hätten wir einen Tag mehr gehabt, um einen Tagesausflug in die Palästinensergebiete zu machen, die wir mit dem Leihwagen nicht bereisen durften und dann vielleicht noch einen halben Tag um noch ein wenig hier und da herumschnüffeln zu können.

Unser Tipp:

Da auch deine Zeit im Land vermutlich begrenzt ist, plane hier 2-3 Tage ein.

Tag 1

Erkunde die Altstadt! Folge der Via Dolorosa und sieh dir auf jeden Fall die Grabeskirche und natürlich die Klagemauer an. Links neben der Klagemauer kannst du zudem eine Tunnelführung durch die Unterwelt Jerusalems machen. Stöbere durch die Gassen, trau dich, auch einmal einen der Wege über die Dächer der Stadt zu nehmen. Wenn dann noch Zeit bleibt kannst entweder den Ölberg hinauf wandern oder aber das Grab Oskar Schindlers nahe des Davidtors besuchen. Lasse den Tag mit einem Abendessen auf dem Mahane Yehuda Markt ausklingen.

Lass dich treiben durch die engen Gassen der Altstadt

Lass dich treiben durch die engen Gassen der Altstadt

Kein Besuch Jerusalems ohne sie gesehen zu haben: die Klagemauer

Kein Besuch Jerusalems ohne sie gesehen zu haben: die Klagemauer

Links die Männer...

Links die Männer…

...rechts die Frauen.

…rechts die Frauen.

Zeit für ein Pläuschchen ;-)

Zeit für ein Pläuschchen 😉

Der Garten Gethsemane am Fuße des Ölbergs. Betreten kannst du ihn nicht, aber außerhalb dennoch seine Ruhe genießen. Der älteste Olivenbaum hier soll rd. 2000 Jahre alt sein.

Der Garten Gethsemane am Fuße des Ölbergs. Betreten kannst du ihn nicht, aber außerhalb dennoch seine Ruhe genießen. Der älteste Olivenbaum hier soll rd. 2000 Jahre alt sein.

Gegenüber vom Davidstor findest du Oskar Schindlers Grab. Der Friedhof wurde nach ihm benannt.

Gegenüber vom Davidstor findest du Oskar Schindlers Grab. Der Friedhof wurde nach ihm benannt.

Tag 2

Beginne den Tag mit dem Besuch von Yad Vashem, einer beeindruckenden Holocaust-Gedenkstädte etwas außerhalb des Zentrums. „Wenn du aus Deutschland kommst, bist du vermutlich schon satt davon, dann musst du dir das nicht mehr unbedingt anschauen…“ könnte man meinen. Wir sagen aber: der Besuch war jede Minute wert! Plane hier etwa einen halben Tag ein. Nachmittags stöberst du dann durch das neue Jerusalem. Sieh dich auch im Orthodoxen Viertel um, das ist spannend!

Yad Vashem beeindruckend zusammengetragene Informationen und Ausstellungsstücke zum Holocaust, sowie Gedenkstätte und Mahnmal.

Yad Vashem beeindruckend zusammengetragene Informationen und Ausstellungsstücke zum Holocaust, sowie kunstvolle Gedenkstätte und Mahnmal.

Tag 3

Wenn du auch mit Mietwagen unterwegs bist, den du nur auf israelischen Straßen nutzen darfst, nutze die verkehrsgünstige Lage der Stadt, um einen (vielleicht organisierten) Ausflug in die Palästinensergebiete zu machen. Auch diese Seite Israels solltest du gesehen haben. Ansonsten wirst du sicherlich noch andere tolle Beschäftigungen finden. Besichtige Kirchen, besuche das Österreichische Hospiz, lass einfach deine Seele baumeln.

Wo kann ich schlafen?

Ein guter Tipp war das Abrahams Hostel. Natürlich brauchst du hier nicht darauf zu spekulieren, ein Sechsbettzimmer für dich alleine zu haben- das ist in einer Stadt wie Jerusalem sicherlich auch außerhalb der Saison eine andere Nummer. Wir waren begeistert vom super Preis-Leistungsverhältnis, der klasse Lage (Altstadt und Mahane Yehuda fußläufig erreichbar), den sauberen Zimmern und sanitären Anlagen, dem leckeren Frühstück und insgesamt der ruhigen, freundlichen und entspannten Atmosphäre.

Ein weiterer heißer Tipp soll das Österreichische Hospiz sein. Schau mal nach, auch das klingt gut!

Wo kann ich essen?

Alles geht, du bist schließlich in einer Großstadt! Auf jeden Fall musst du den Mahane Yehuda Markt besuchen. Hier haben wir das leckerste Gebäck und die tollsten Antipasti auf unserer ganzen Israeltour gefunden! Wenn du aus der Altstadt kommend die Yafo Street entlang der Straßenbahnschienen läufst, findest du außerdem auf etwa halber Strecke bis zum Mahane Yehuda Markt eine Ecke mit zahlreichen Restaurants und Cafes wo du wirklich gut essen kannst und alles findest, was dein Herz begehrt.

Auf dem Mahane Yehuda Markt erlebst du typisch Israelisches Treiben und kannst sensationell leckere Lebensmittel kaufen

Auf dem Mahane Yehuda Markt erlebst du typisch Israelisches Treiben und kannst sensationell leckere Lebensmittel kaufen

Was ziehe ich an?

Wieder einmal Glück gehabt- uns war warm. Noch wenige Wochen vorher hatte es hier geschneit. Eigentlich hatten wir in Tel Aviv mit Strandwetter gerechnet und in Jerusalem eher mit Pulloverwetter- es kam umgekehrt…

Klimatabelle von klima.org

Klimatabelle von klima.org

Und jetzt wieder du: warst du schon einmal in Jerusalem und möchtest hier noch Tipps loswerden? Dann her damit! Was hast du erlebt und was hat dich besonders beeindruckt? Oder brauchst du noch mehr Infos? Lass es uns wissen!

Liebe Grüße

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Andy, Miri und Skar

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